Kategorie: Schriftliches

SCHOKOLADENLAND

„Dick wie’n Schwein, schläft allein“, in Muttis Weisheiten lag soviel Wahrheit. Tessa schwang die Hüften hin und her und versuchte, das halbe Kilo zu finden, welches sie sich in den letzten drei Wochen mühsam weggehungert hatte. Zwecklos. Beherzt drückte sie die Brüste nach oben, warf dem Spiegel einen saftigen Kuss zu und mühte sich, verführerisch zu blinzeln. „Mit meinem verfetteten Fahrgestell besteigt mich nicht einmal ein frisch entlassener Häftling“, konstatierte sie laut und nickte, als bedürfe diese Feststellung einer besonderen Unterstützung.

DIE STÖRUNG

„Noch mal! Machen Sie schon!“, sagte der Mann im dunklen Anzug, den man nicht sah, weil es ringsum dunkel war. Stockdunkel. „Hab‘ ich doch dreimal. Erst drückste, dann warteste. Und dann: geschmeidig bleiben und durchatmen!“ Gisela Huppe grunzte, als sie den Bodenwischer an den Reinigungswagen lehnte. „Es ist nur“, der Mann holte tief Luft, sagte aber dann doch nichts mehr. „Nur was?“, fragte Gisela, und ihre Augen leuchteten plötzlich elektrisiert, wenn man sie im Dunkeln denn hätte sehen können.

WALTRAUD

Es ist ein glitzernder Frühlingsmorgen, als die Sonne über Ostfriesland aufgeht. Sie streichelt mit ihren goldenen Strahlen die Wiesen und Felder und Baumkronen, denn Wecken ist ja schließlich ihr Job. „Aufstehen“, flüstert die Sonne, „heute wird ein toller Tag!“

AUF DEM SOFA

„Schatz?“ „…“ „Schatz?“ „…“ „SCHATZ!“ „Wasn?“ „Du knabberst.“

LETZTENS

Vom Tod zu erzählen ist aus offenkundigen Gründen in aller Regel nur als Außenstehender möglich, vom Sterben aus direkter Quelle zu berichten scheint indes bedeutend einfacher. Vorausgesetzt, man hat genug Zeit und ein ausreichendes Bedürfnis, sich während des Sterbens mit den Befindlichkeiten der Nachwelt zu befassen. Überhaupt ist geschicktes Timing alles.

DA UNTEN

„Stinkst Du gerne?“, der Junge mit den tiefen blauen Augen guckte herab und wartete, und seine tiefen blauen Augen glänzten voll Neugierde und Unschuld. „Ich habe noch niemanden gesehen, der so stinkt.“ Der Junge drehte sich und blickte wie zum Beweis rings um die eigene Achse.

PAULA

Fünfzig. Fünf. Null. Seit Monaten saß Paula diese Zahl im Nacken, und jetzt: Klick. Der Lichtschalter im Hausflur klickte so spröde wie eine leere Revolverkammer beim Russischen Roulette, und die Neonröhre zuckte, bevor sie das erste Licht für Paulas neues Lebensjahr abgab. Nicht, dass es plötzlich gekommen wäre. Wer wird schon überraschend fünfzig? „Du bist immer noch dieselbe“, hatte letzte Woche die Fußpflegerin gesagt. Aber genau das war vielleicht das Problem. Dass sie noch immer dieselbe war. Und vermutlich, dass sie mittlerweile zur Fußpflege ging.

MITTWOCHS

Pressen. Plätten. Warten. Wenden. Pressen. Plätten. Warten. Renate kann das blind. Mit Apfelmus. Mit Rübenkraut. Mit ohne alles. Mit Mayonnaise. Bei Mayonnaise wird ihr regelmäßig übel, obwohl ihr Magen einiges gewöhnt ist. Igitt! Reibekuchen mit Mayonnaise. Pressen. Hebeln. Dreiachtzig. „Lassen Sie sich‘s schmecken“, lächelt Renate dann.

AN DER GRENZE

„Willst Du vorher noch was trinken?“ Babetta schlurfte durch das Zimmerchen. Der staubige Holzboden stöhnte, und außer dem Stöhnen hörte man nichts weiter. Die schlabbrigen Vorhänge hatten schon lange keine Blicke mehr ausgesperrt. Babetta blinzelte kurz nach draußen, doch auch jetzt blinzelte niemand zurück. Mit einem Ruck sperrte sie die Sonne aus.

STADTBAHN

„In drei Minuten entgleist dieser Zug. Spring!“ Die Nachricht war unmissverständlich. Jarl starrte auf sein Mobiltelefon. Springen? Die Stadtbahn führte ausnahmslos über Brücken. Man konnte doch nicht aus einem Eisenbahnwaggon springen, nur weil es in einer SMS stand.

CONSHOHOCKEN KITTY SHUFFLE

„Seit wann lag sie am Ufer?“, Chief Morley nahm noch etwas von dem angeschmorten Fleisch in der süßsauren Pampe und verteilte es mit dem Porzellanlöffelchen auf dem matschigen Reis. „Ein paar Tage, vielleicht. Der Schuylkill hat Hochwasser, kann man schlecht sagen. Warum wollen Sie das wissen, Chief?“, fragte Lippincott und versuchte, krümelfrei seinen Glückskeks zu öffnen.

WEG

Duschen und Weinen ist wie Schwimmen im Regen. Seltsam vertraut fühlt es sich an, und fremd zugleich. Frauen tun es nach einer Vergewaltigung, wenn man den Spielfilmen glauben kann, und psychotische Wahnsinnige lauern dahinter, hinter den Duschvorhängen. Ich Wahnsinniger, dusche und weine. Das letzte Mal, hier.