SCHOKOLADENLAND

„Dick wie’n Schwein, schläft allein“, in Muttis Weisheiten lag soviel Wahrheit. Tessa schwang die Hüften hin und her und versuchte, das halbe Kilo zu finden, welches sie sich in den letzten drei Wochen mühsam weggehungert hatte.

Zwecklos. Beherzt drückte sie die Brüste nach oben, warf dem Spiegel einen saftigen Kuss zu und mühte sich, verführerisch zu blinzeln. „Mit meinem verfetteten Fahrgestell besteigt mich nicht einmal ein frisch entlassener Häftling“, konstatierte sie laut und nickte, als bedürfe diese Feststellung einer besonderen Unterstützung.

Das Telefon klingelte. Bestimmt war es Pamela, die anrief. Pamela mit langem E, wie in Eerdbeertorte. Oder Schokoladee. Das Miststück, dachte Tessa. Frisst, was sie will, und nimmt nicht zu. Tessa nahm nicht ab. Nicht an Gewicht, und jetzt auch nicht den Hörer. Ihr wurde übel bei dem Gedanken an Pamelas schlankes Glück – bitter war die Welt! Achtzehn Nächte war Tessa in den letzten Wochen aus dem Schlaf hochgeschreckt, schweißgebadet, mit rasendem Puls. Desorientiert, keuchend und eingespeichelt war sie aus ihrem Traum erwacht, in dem ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war, eine Arbeitsstelle in der Konfiserie Janssen, gleich ums Eck. Wo sie probieren und naschen durfte, den ganzen Tag. Die raffiniertesten Gebäcke und die zartesten Schokoladenkreationen kitzelten ihren Gaumen und ihre Geschmacksknospen waren so müde am Abend, müde geschmeckt von den köstlichen Aromen. Ein sündhafter Alptraum, hätte Mutti gesagt.

Das Telefon klingelte noch immer. Tessa sah dem Spiegelbild in die Augen, doch als plötzlich eine Träne herabrann, erkannte sie nicht sich, sondern ihre Mutter. Zögernd wanderte der Blick. Über die Schultern, die hervorstachen. Die eingefallenen Wangen, die spitzen Beckenknochen. Die dürren Beine und die Streichholzarme. Vorsichtig ging Tessa auf das Nachtschränkchen zu. Zog die unterste Schublade auf, und spürte, wie sich ein kleines Täfelchen Vollmilch-Aprikose zwischen ihre Lippen schob. Aprikosee.